Junge Sänger an der Wiener Staatsoper -

Torsten Kerl singt in der Wiederaufnahme von Mozarts Idomeneo die Titelpartie

Mehr als ein Geheimtip

Ich fände es nicht sinnvoll, jetzt schon eine CD mit Highlights aus meinem Repertoire herauszubringen. jeder würde doch sagen: Torsten Kerl? Kenn' ich nicht, kauf ich nicht!" Nun, ganz so unbekannt wie sein Träger meint, ist der Name des 31jährigen Tenors nicht mehr. In Bayreuth schätzt man Torsten Kerl seit zwei Jahren schon als brillanten Steuermann. International gilt er als Geheimtip. Und in Wien weiß man längst, was man an diesem Sänger hat: ein Ensemblemitglied, dessen schöne Stimme ebenso gefällt wie seine musikalische Gestaltung. Torsten Kerls Begabung entfaltete sich zunächst allerdings auf anderem Terrain. Er begann elfjährig in seiner Heimatstadt Gelsenkirchen eine Ausbildung zum Oboisten, die er später an der Folkwang Hochschule in Essen fortsetzte. Nach nur vier Semestern wurde er ins Opernorchester von Wuppertal als Solo-Oboist verpflichtet, wo er zwar noch nicht der Faszination Oper, aber der Faszination Gesang erlag. "Mich beindruckt, daß man zum Singen kein fremdes Medium braucht, durch das man den Klang erzeugt, weil man selber dieses Medium ist. "

Aus purer Neugier hat Torsten Kerl daraufhin privaten Gesangsunterricht genommen. Zunächst wurde er zum Bariton ausgebildet, weil seine Stimme sich in dieser Lage anfänglich am wohlsten fühlte. "Nach einigen Monaten merkte ich aber, daß sich die Tiefe nicht in dem Maße weiterentwickelte, wie es für einen Bariton notwendig gewesen wäre. Also mußte mehr in die andere Richtung gearbeitet werden. Halbton für Halbton habe ich mich dann zum hohen C hinaufgearbeitet, bis am Tenor nicht mehr zu zweifeln war." Nicht als "ausgesprochen hohen Tenor", aber als "Tenor mit Höhe" schätzt er sich heute selber ein.

Trotz rascher Fortschritte bei seiner Gesangsausbildung und zusehends mehr werdender Einladungen als Konzertsänger war sich Torsten Kerl aber durchaus noch nicht schlüßig, ob er sich ganz dem Singen verschreiben sollte. Immerhin hatte er als Oboist beachtliche Erfolge samt einer CD mit Solokonzerten vorzuweisen. "Irgendwann wurde mir aber klar, daß ich nicht dreißig Jahre lang im Orchester spielen wollte. Deshalb kündigte ich meine Stelle im Orchester."

Der Zufall wollte es, daß kurze Zeit später der Intendant von Gelsenkirchen nach einem Anfänger Ausschau hielt und Torsten Kerl engagierte. Zwei Spielzeiten sang er dort kleinere und mittlere Partien. Danach bewarb er sich in Karlsruhe, wo mittlerweile auch seine Frau, die Mezzosopranistin Elena Batoukova, engagiert worden war. Dort setzte man Kerl von Anfang an in großen Partien ein: "Ich habe zwei Saisons lang den Hans in der Verkauften Braut gesungen, aber auch den Turriddu und den Vladimir in Fürst Igor. " Gestärkt durch seine Erfolge, wagte Torsten Kerl schließlich ein Vorsingen in Wien. "Nachdem ich gehört worden war, kam Direktor Holender in die Garderobe und bot mir sofort einen Festvertrag an." Nach kurzer Überlegung sagte Torsten Kerl zu und gehört seit 1997/98 dem Staatsopem-Ensemble an.

Die Entscheidung für Wien erwies sich als goldrichtig, denn Torsten Kerl wurde an der Staatsoper behutsam aufgebaut. Er debütierte als Matteo in Arabella, hat unter anderem aber auch den Narraboth, den Steuermann, den Alfred in der Fledermaus sowie den Pinkerton gesungen. Der Idomeneo, den er im September nun zum ersten Mal verkörpert, war eine seiner Wunschpartien. Neu kommen in absehbarer Zeit auch der Alwa in Lulu, Palestrina, Lenski sowie der Stewa in Jenufa hinzu. "Ich glaube, das französische Fach würde mir auch liegen. Gerne würde ich einmal den Don José singen."

Sein Repertoire, daß den Max in Webers Freischütz ebenso umfaßt, wie die lyrischen Mozart- oder Haydn-Partien, weist Torsten Kerl als typischen Zwischenfachtenor aus. "Ich habe eine große lyrische Stimme, die in letzter Zeit etwas dunkler und in der Höhe kräftiger geworden ist."

In Bayreuth betraute man Torsten Kerl zuletzt mit Studienaufträgen für Lohengrin und Stolzing, womit auch schon die Grenzen seines Repertoires abgesteckt sind. "Gerade in diesem Fach, mit seinen größeren Orchestern, ist es unverzichtbar, mit größtmöglicher lyrischer Legato-Kultur zu singen, um der Stimme nicht auf Dauer zu schaden. Die Kunst des Singens ist eine lyrische Kunst"

Peter Blaha, Bühne 9/1999

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