Torsten Kerl, aufgehender Opernstern, entstieg dem Orchestergraben- und trompetet nun auf der Bühne. Der ehemalige Oboist mutierte zur Tenorhoffnung und debütiert bei den Salzburger Festspielen
Wenn man in Wien vor der Staatsoper aus der
U-Bahn steigt, kann es schon passieren, dass einem Torsten Kerl mit seinem Kind
entgegenkommt und, weil man sich schon kennt, nicht nur freundlich grüßt
sondern gleich erklärt: "Hallo, wie geht's? Heute spiel' ich Babysitter,
weil meine Frau auf der Bühne steht!" Er hat da gewissermaßen
schon die Frage beantwortet, die man ihm stellen wollte. Und so darf einen dann
schnell doch ohne Zweifel das Gefühl überkommen, hier
würde
es ein Sänger schaffen, auf entspannte Art und Weise Karriere zu machen
- und doch auch das Familiäre nicht zu vernachlässigen. Möge
ihm das immer gelingen! Die Reisetätigkeit von Torsten Kerl wird ja langsam
aber sicher mehr werden, noch ist er immerhin mit einem Residenzvertrag an die
Wiener Staatsoper gebunden. Aber auch schon nicht mehr Ensemblemitglied. Es
hat sich herumgesprochen, dass hier ein Tenor zu hören ist, der vielseitig
ist, als Schauspieler etwas zu bieten hat und über profunde stimmliche,
lyrisch-heldische Fähigkeiten verfügt. An der Staatsoper war er unter
anderem Alfred in der Fledermaus, war Alwa in Lulu, auch Pinkerton in Madama
Butterfly und Narraboth in Salome. Auch als Idomeneo und als Steva in Jenufa
wurde er hörbar. Und schließlich war er Parsifal, da sprang er für
den überraschend verstorbenen Gösta Winbergh ein.
Doch drehen wir das Rädchen der Zeit ein wenig zurück, zu jener Zeit,
da der blonde Herr mit Bart Tenöre nicht mochte, die so herumstehen und
etwas steif und stolz ihre Töne schmettern. Es war dies jene Zeit, als
Kerl in einer Musikposition war, in der man der Opernbühne bei der Arbeit
immer den Rücken zukehrt. Torsten Kerl kommt nämlich gleichsam aus
dem Orchestergraben, er war Solo-Oboist in Wuppertal und wurde zwar Sänger,
dies aber "ganz zufällig." Seine Eltern schätzten klassische
Musik, animierten Kerl und seine beiden Schwestern zum Musikmachen. Zur Oboe
kam er eigentlich, weil an seiner Musikschule in diesem Fach ein Studienplatz
frei war. Singen? "Hat mich fasziniert, aber an eine Profikarriere dachte
ich nicht". Er nahm Gesangsunterricht, aber dies nur einfach so, aus Lust
an einer weiteren Ausdrucksmöglichkeit. Und von Tenor konnte zunächst
keine Rede sein. Die Stimme verwies zunächst scheinbar auf die Baritonlage.
Mit der Zeit wurde aber das tenorale Strahlen in der Höhe offensichtlich,
doch erst als für ein Rossini-Pasticcio am Gelsenkirchner Theater ein Tenor
gesucht wurde, erinnerte sich der Intendant an Torsten Kerl, den früheren
Oboisten, und so kam es zu einem Auftritt, der ein Vertragsangebot nach sich
zog. Dort lernte Kerl
übrigens
auch seine spätere Frau und Mutter seiner Tochter, die russische Mezzosopranistin
Elena Batoukova, kennen.
Danach kam Karlsruhe und später ein Vorsingen in Wien, das ihm ein Engagement durch Staatsoperndirektor loan Holender bescherte. Das war ein Glücksfall für Kerl, denn Holender sei unbestritten ein Stimmenkenner- und Förderer. "Er weiß ganz genau, was zu jemandem passt. Wenn sich einer eine Partie wünscht, die nach Meinung Holenders nicht zu dessen Stimme passt, dann sagt er das auch ungeschminkt und deutlich. Und das ist richtig so. Ich persönlich bin ihm sehr dankbar für seinen Stil. Er hat mich sehr gefördert, an der Staatsoper werden Sänger überhaupt systematisch aufgebaut. Ich kann hier meine Vielseitigkeit erproben, werde nicht festgelegt auf nur ein Fach." Vom Orchestergraben auf die Bühne also. Natürlich fasziniert dabei, auch endlich im Rampenlicht stehen zu können, sagt Kerl. Auch konnte er sich nicht vorstellen, bis zur Pension Oboist zu bleiben. Aber auch andere Gründe gibt es für ihn, sich der Stimme zugewandt zu haben. "Am Singen faszinierte mich vor allem, Sprache mit Musik zu verbinden, eine Möglichkeit, die ein Instrumentalist nicht hat." Dazu wird er in Hinkunft viel Gelegenheit haben: An der Wiener Staatsoper wird er unter anderem Max in „Jonny Spielt Auf" sein, an der Komischen Oper Berlin hört man ihn als Hans in der Verkauften Braut. Engagements der Saison 2003/04 sind unter anderem an Deutsche Oper Berlin Parsifal und im Opernhaus Amsterdam (als Florestan in Fidelio). Da war doch auch Bayreuth, wo er schon war? Torsten Kerl hat ja 1996 als Steuermann im Fliegenden Holländer mit Erfolg in Bayreuth debütiert, sich aber mittlerweile vom Grünen Hügel etwas verabschiedet. Einiges war zugesagt, so Kerl, aber es hat sich nicht so entwickelt, wie gewünscht. 'Warum soll ich in Bayreuth weiter kleine Sachen machen, wenn ich etwa auch in Salzburg Großes machen kann." Er wird 2004 bei den Salzburger Festspielen den Paul in "Die tote Stadt" singen. Der lyrisch heldische Tenor, der Fritz Wunderlich als Vorbilder nennt, wegen der Mühelosigkeit des Singens, die auch er anstrebt und erreicht. Nebst der Vielseitigkeit, bei der ihm hilft, "dass ich sehr schnell lerne."
Text: Ljubisa Tosic Fotos: Michael Tordik