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Ein "echter" Tenor: TORSTEN KERL "Ich fand früher Operntenöre fürchterlich." "Der Tenor, der in der Mitte steht und nur hohe Töne von sich gibt, ist mir ein Greuel." "Fritz Wunderlich ist eines meiner Vorbilder Er klingt immer völlig mühelos. Die Stimme sollte nie forciert werden, man sollte Schwierigkeiten nicht merken. Die Stimme sollte entspannt sein. " Heldentenor? "Ich würde mich eher als großen lyrischen Tenor bezeichnen. Ich will vielseitig bleiben. "Tenor mit Höhe, aber kein hoher Tenor " So etwa charakterisiert sich dieser Sänger selbst, den Dr. Peter DUSEK vor den "Freunden der Wiener Staatsoper" am 28. 10. (im Tabakmuseum) interviewte. Tags darauf trafen wir uns noch zu einer Nachbesprechung für den "Merker". Seit 1997 gehört Kerl dem Ensemble der Wr.Staatsoper an und seit seinem ersten Auftreten hier verfolgen auch wir Merker' mit Wohlgefallen die Entwicklung eines außerordentlichen Bühnentalents. Ein solches ist Kerl; nicht nur Sänger. Der gebürtige Gelsenkirchner begann seine musikalische Berufslaufbahn ganz unforciert, so, wie er sich am liebsten singen hört. Seine Eltern, die auch die beiden Schwestern zum Erlernen eines Instruments animierten, liebten klassische Musik. Weil an der Musikschule gerade der Oboenlehrer einen freien Studienplatz hatte, entschied sich der junge Torsten Kerl für dieses Blasinstrument. Am Gesang faszinierte ihn damals die Möglichkeit, sich zusätzlich zur musikalischen Interpretation auch durch den Text ausdrücken zu können. Als er seinen späteren Gesangslehrer einmal auf der Oboe begleitete, erwachte in ihm der Wunsch, selbst singen zu lernen - so einfach aus Neugier, wie das ist, wenn man selbst zum Instrument wird. Aber ein erster Singversuch versprach wenig. Die Stimme bewegte sich zunächst überhaupt nur in der Baritonlage. Nach einiger Zeit wurde sie klarer und mit Hilfe des Lehrers immer höher und tenoraler. Zunächst studierte er aber noch Papageno, Valentin, Malatesta. Langsam stellte sich jener Glanz in der Höhe ein, der heute noch Torsten Kerls Stimme auszeichnet. "Dieser Glanz macht die Stimme tragfähig, sodaß sie über das Orchester dringt." Als für ein Rossini-Pasticcio am Gelsenkirchner Theater ein Tenor gesucht wurde, erinnerte sich der Intendant seines fiüheren Oboisten, und der wagte den Sprung aufs Podium. Der Erfolg: Man bot ihm einen Anfängervertrag an, der ihm weitere Studien ermöglichte. Der Richter im "Maskenball" war die erste Rolle im regulären Engagement. Als er im 2. Jahr den Goro in der "Butterfly" sang, lernte er in der Suzuki seine spätere Frau und Mutter seiner Tochter, die russische Mezzosopranistin Elena BATOUKOVA kennen und lieben. ("Ich finde Mezzos in der Oper überhaupt meist interessanter als Soprane...") Er hatte in der Schule bereits Russisch gelernt, mit seiner Frau spricht er zwar deutsch, aber Mutter und Tochter reden russisch miteinander - gute Voraussetzungen für Rollen in dieser Sprache! Im 2. Engagement, in Karlsruhe, hörte der Wiener Künstleragent Erich SEITTER zufällig das Künstlerehepaar in "Fürst Igor" - mit größtem Vergnügen. Er organisierte ein Vorsingen an der Wiener Staatsoper, mit dem Erfolg, daß der Tenor engagiert wurde. - "nicht als Anfänger, aber zunächst für mittlere Rollen". "Durch die Förderung von Direktor Holender kam ich aber bald zu großen Partien." Was uns von seinen Bühnenrollen her, ob Froh oder Steuermann, Maler oder Alwa in "Lulu", Alfred in "Fledermaus", Cassio, Narraboth, Pinkerton, Raffaele in "Stiffelio", Baroncelli in "Rienzi", Arturo in "Lucia", Matteo in "Arabella", Raffaele in "Stiffelio", Lenski oder Walther von der Vogelweide in "Tannhäuser" in jeder einzelnen Vorstellung klar geworden ist, bestätigt sich bei der persönlichen Begegnung: Hier offenbart sich ein außerordentlich heller Geist mit stürmischem Bühnentemperament und der entsprechenden physischen Beweglichkeit. Das alles schlägt sich selbstverständlich in der Stimme nieder bzw. hält sie locker und lebendig. Dabei hatte er nie eine reguläre schauspielerische Ausbildung... Als Idomeneo, mit dem er durch Italien zog, hat Kerl sich nachdrücklich
für Mozart qualifiziert, und der in diesem Monat erstmals hier
gesungene Tamino hat dies bestätigt. (Leider mußte er die
"Traviata"-Serie, in der er sein Wiener Rollendebut als Alfredo
haben sollte, wegen einer Erkältung absagen.) Holender hat viel
mit ihm vor: in dieser Saison Stewa Man wundert sich über diese Rollenvielfalt. "Ich lerne sehr schnell. Da kann ich nichts dafür, daß ist halt so!" argumentiert der Sänger zum Amüsement der Zuhörer, die sich über seine spontanen, originellen Antworten und Kommentare zwei Stunden lang bestens unterhielten. Künstler, die derart schnell "schalten", sind bei Operndirektoren beliebt, insbesondere im Repertoirebetrieb, wo oft Einspringer gebraucht werden. So konnte Holender den Tenor dafür gewinnen, binnen zwei Tagen den Lenski zu übernehmen, ohne Orchesterprobe, eine Rolle, die Kerl zwar studiert, aber noch nie auf der Bühne gesungen hatte. Beim Bukarest-Gastspiel der Wiener Staatsoper übernahm der Sänger kurzfristig den Narraboth, obwohl er in diesen Tagen in Wien sein "Zauberflöten"-Debut vor sich hatte. Auf Dr. Duseks Frage, ob er wild durcheinander alle sich ergebenden Partien singen könne, antwortet Kerl, daß er sich sehr wohl ähnlich gelagerte innerhalb einer gewissen Zeitspanne aussuche, denn für hohe Partien brauche er einen anderen Stimmansatz als für tiefere. Für die nächsten Jahre ist sein Parsifal-Debut in Köln, in Florenz der Dimitri im "Boris" und in Japan 2005 der Stolzing vorgesehen. Die "Freunde" haben ihn bereits als Liedsänger vorgestellt
und im heurigen Adventkonzert werden wir ihn mit dem Gebet des Rienzi
hören. Max im "Freischütz" hat er bereits in einer
Aufführungsserie in Straßburg gesungen, und dort debutierte
er auch in jener Rolle, die ihm so etwas wie den internationalen Durchbruch
brachte: Paul in der "Toten Stadt". Was wir von Torsten Kerl in Zukunft erwarten dürfen, das versprachen zwei Video-Ausschnitte aus der Straßburger Produktion der "Toten Stadt", die dann auch als Gastspiel nach Paris wanderte (s. auch die begeisterten "Merker"-Berichte unseres Stuttgarter und Pariser Korrespondenten im Heft 6/ 01). In der von der Regisseurin Inga Levant zur Gänze als irreal dargestellten Situation des Träumers Paul, der seine tote Geliebte (Angela Denoke in der Doppelrolle) wiederauferstanden glaubt, sieht man Torsten Kerl mit visionärer Kraft und ekstatischer Intensität agieren und hört manchmal geradezu Wunderlich-Töne. Je größer die Anforderungen, die eine Rolle an ihn stellt, desto besser wird er. In einer DVD-Aufzeichnung soll diese sensationelle Aufführung der Korngold-Oper allen Musikfreunden zugänglich gemacht werden. Eine seiner Traumpartien ist somit bereits Wirklichkeit geworden. Wann er König Gustav, Otello, Tannhäuser und Tristan singt, wird die Zukunft weisen. "Jetzt wünsche ich mir möglichst viele verschiedene Partien in verschiedenen Fächern. Ich lache mich immer tot, wenn man mich fachlich nicht einordnen kann" Sieglinde Pfabigan, Nov.2001 |