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Torsten Kerl - das Interview, Operngals 12/2002 Herr Kerl, Sie stehen in Ihrer Karriere blendend da, haben einen vollen Terminkalender, sind sehr gefragt - als Tenor. Dabei begann Ihr klassischer Werdegang an einem Instrument. Wie war Ihr erster Kontakt zur Musik? Musik war eigentlich immer wichtig für mich. Meine Mutter war immer sehr dahinter her, dass ich ein Instrument erlerne. Ich habe mehrere Instrumente ausprobiert und dann, mehr durch Zufall, mit Oboe angefangen. Das hat mir wirklich Spaß gemacht! Ich habe Privatunterricht bei einem Professor in Essen genommen und danach auch Oboe studiert. Schon während des Studiums spielte ich im Orchester, war Solooboist in Wuppertal und "zur Aushilfe" beim WDR. Parallel wollte ich wissen, wie es ist, wenn man Musik macht und kein Instrument, d.h. kein Medium hat, mit dem man sich ausdrückt. Es interessierte mich, selbst das Medium zu sein. Ich habe mir einen Gesangslehrer gesucht, den ich schon als Oboist begleitet hatte. Es war am Anfang aber ziemlich aussichtslos. Eigentlich war da gar nichts. Erst nach einer ganzen Weile habe ich gemerkt, dass sich etwas auftut. Mein Lehrer riet mir aber, das Studium der Oboe zu Ende zu führen und weiterhin Oboe zu spielen. Dadurch würde ich keine Verpflichtungen haben, wenn es mit dem Gesang nichts werden sollte. War die Stimmlage von Anfang an klar? Ich war zuerst Bariton und habe viel Konzertfach und Lieder im Baritonfach gesungen. Wir versuchten dann einmal eine Tenorarie, aber das funktionierte noch nicht. Dennoch war mein Lehrer überzeugt, dass ich ein Tenor sei, und wir haben Halbton für Halbton an der Höhe gearbeitet. Und dann begann sich meine Stimme in der Tenorlage wohl zu fühlen. Ich begann mit einer Pianistin, mit der ich früher als Oboist zusammen gespielt hatte, ein Konzert- und Liedrepertoire zu erarbeiten, wobei ich damals Bariton- und Tenorlage gemischt habe; so, wie es für meine Stimme angenehm war. Und durch das viele Singen merkte ich eines: Meine Höhe wurde kräftiger und sicherer. Anschließend begann ich mit meinem Lehrer quasi noch einmal neu - als Tenor. Ich kündigte meine Stelle als Orchestermusiker und beschloss, die Sängerkarriere in Angriff zu nehmen. Ich habe als Oboist noch eine CD aufgenommen und ein paar Radiokonzerte gemacht. Das war für mich ein guter Abschluss.
Zwei Tage nachdem ich gekündigt hatte,
kam der damalige Intendant von Gelsenkirchen, den ich noch als Oboist
kannte, und lud mich zu einem Vorsingen ein. Und die haben mich da gleich
genommen! Man bot mir einen Fachvertrag als Spinto an; das war mir jedoch
zu früh, ich wollte das meiner Stimme noch nicht zumuten. Ich wollte
einen Anfängervertrag bekommen um Schritt für Schritt vorzugehen,
und so habe ich dann wirklich alles Mögliche gesungen. Eigentlich
nichts, was ich wirklich wollte... Nach einiger Zeit wurde ich sicherer
und ich wollte den Fachvertrag, was dann aber nicht mehr so einfach
war. Ich lernte damals meine Frau kennen, die auch Sängerin ist;
sie wurde nach Karlsruhe engagiert. Ich ging zu einer Sängeragentur,
man empfahl mir, das jugendliche Heldentenorfach zu singen. Darauf bewarb
ich mich ebenfalls nach Karlsruhe und wurde fest engagiert. In Karlsruhe
sang ich die ersten großen Partien in »Verkaufte Braut«
und die Premiere von»Fürst Igor«. Und schon kamen unzählige
Angebote von Agenturen, die mich alle im Heldentenorfach haben wollten!
Eine Wiener Agentur schlug mir vor, an der Staatsoper vorzusingen, was
ich auch tat. Direktor Holender wollte mich auch gleich engagieren.
Ich hatte jedoch meine Bedenken, weil ich nicht wieder kleine Rollen
und Cover singen wollte. Holender gab mir aber eine faire Chance und
engagierte mich fix für mittlere und größere Partien,
wie den Matteo in Arabella. Parallel sang ich Turiddu in Karlsruhe.
Und plötzlich fühlte ich mich in diesem Fach sehr wohl und
eines kam zum anderen: Ich sang Pinkerton, Alfred und Idomeneo in Wien,
dann folgten dort die ersten Premieren. Ioan Holender hatte von meinem Agenten gehört, dass ich »Die tote Stadt« singen wollte - und zwar ungestrichen. Die Tenorpartie wirdüblicherweise nur von Heldentenören gesungen, die aber sehr oft die hohen und lyrischen Stellen streichen. Auch ich hielt es anfangs nicht für so eine gute Idee, das Stück komplett ungestrichen zu singen. Ich bekam dann aber in Straßburg und am Châtelet in Paris die Möglichkeit dazu und nach dieser Produktion stand fest, das ich auch bei den Salzburger Festspielen 2004 und später an der Wiener Staatsoper den Paul singen werde, ungestrichen.
Ich wollte mit einer großen Wagner-Partie debütieren. Es sollte aber eine Rolle sein, die ich für meine Stimme für richtig halte, und nicht etwas, das normalerweise für jüngere Tenöre geeignet ist. Ich war 5 Jahre in Bayreuth, wo ich Steuermann gesungen und den Lohengrin gecovert habe; ich kenne alle Wagner-Titelpartien sehr gut. Parsifal fand ich durchaus passend. Die Partie ist nicht allzu lang und gut für meine Stimme. Außerdem finde ich den Parsifal musikalisch sehr spannend. Ich bekam in Köln für eine Wiederaufnahme die Chance und begann die Partie zu lernen. Zwei Wochen vor der ersten Aufführung in Köln starb Gösta Winbergh und Ioan Holender bot mir an, in Wien einzuspringen. Ich konnte den ersten und dritten Akt und musste nun in acht Tagen den zweiten Akt - wo ja am meisten zu tun ist - lernen. Ich entschied mich dennoch dafür und lernte rund um die Uhr Parsifal, um in Wien die drei Vorstellungen zu singen. Die erste Aufführung war ganz anständig, ab der zweiten habe ich mich dann schon richtig wohl gefühlt.
Weil ich mich nicht in eine Schublade stecken lassen will. Ich singe von großlyrisch bis dramatisch all das, was mir und meiner Stimme liegt, von Tamino bis Parsifal, von Lenski bis Don José, Jonny (»Jonny spielt auf«) und Siegmund. Ich bin ein völliger Gegner von Fächern. Ich singe auch sehr gern in Stücken, die nicht "Mainstream" sind: »Die tote Stadt«,»Sly«, »Giulietta« etc. Ein Sänger sollte für sich selbst wissen, was er singen kann, egal ob eine Partie zum Fach gehört oder nicht. Als junger Sänger ist es immer leichter, zu entscheiden, was man nicht kann. Gut: Was können Sie nicht? Alle ganz hohen Rossini-Partien kann ich nicht.
Ich habe eine relativ gute Koloratur aber die hohe Tessitura liegt mir
nicht. Ich habe ein C und ein Cis, aber ich bin kein Manrico. Und ich
singe Partien nicht, die sich nur in der Bariton-Lage bewegen - obwohl
ich als Bariton begonnen habe. Gefährlich ist es vor allem dann,
wenn das Orchester zu dick ist. Das bedeutet für mich noch kein
Tristan und auch noch kein Siegfried. Ich bekomme ihn zwar unzählige
Male angeboten, allein wegen meines Aussehens, aber ich habe ein Problem
damit. Ich bin kein Parlando-Sänger. Das andauernde Parlando von
Siegfried hat wenig Linie und liegt meiner Stimme bis jetzt einfach
nicht. Es gibt ja auch noch andere Blonde... 2006 werde ich den Siegmund
in den USA singen. Tannhäuser ist zwar sehr hoch, würde ich
aber doch gerne einmal ausprobieren. Dafür möchte ich mir
aber noch ein wenig Zeit lassen. Und einige Partien sind für mich
darstellerisch reizvoller, wenn es ein älterer Sänger macht:
Canio ist zum Beispiel so eine Partie. Auch diese bekomme ich angeboten,
aber ich glaube, dass ich dafür allein vom Aussehen und vom Schauspiel
her zu jung bin. Und dann gibt es auch noch Partien, die ich zwar könnte,
aber die mir nicht gefallen. Ich sollte »Traviata« in Wien machen,
kam bis zur Orchesterprobe und bin dann leider krank geworden. Ich habe
auch schon Macduff gesungen. »Un ballo in maschera« wird
kommen, daran arbeite ich gerade. Den Radames könnte ich singen,
ich stelle mir jedoch eine andere Stimme vor. Und wenn ich selbst der
Meinung bin, ich bin hier falsch, kann ich solche Partien nicht singen.
Für mich sind dafür Stimmen wie die Giuseppe Giacominis gefragt.
Wobei es nicht wegen der Arie wäre, die ist das lyrischste an der
ganzen »Aida«. Den Radames würde ich mir also gerne
noch ein wenig aufheben. Vielleicht Hoffmann. Wenn ein etwas schwerer
Hoffmann erwünscht ist. Ich würde auch gern einmal Werther
machen. Es wird aber hinsichtlich der neuen Rollen mehr und mehr ein
Zeitproblem. Ich darf mich ja nicht beschweren, aber ich muss immer
öfter interessante Angebote ausschlagen... Und andererseits ist
das auch eine Frage der Entwicklung des Marktes. Momentan gibt es auf
Grund mehrerer Faktoren einen Engpass an deutschen Heldentenören.
Dadurch kommt es immer häufiger dazu, dass man geradezu zu bestimmten
Partien genötigt wird. Immer öfter hört man die Antwort:
"Ja, aber können Sie nicht auch.....". Und dann geht's
los! Es passiert immer öfter, dass ich wegen einer Rolle, die ich
mir wünsche, irgendwo hinkomme, dann aber auch noch Anderes dazu
machen soll. Die habe ich auch schon gesungen, fällt
aber auch wieder unter das besagte Zeit- und Marktproblem. Ich habe
zum Beispiel »Fledermaus« und »Nacht in Venedig«
gesungen. Ich würde gerne mehr Operette singen, aber in Häusern,
die gute Qualität garantieren - natürlich auch gute Kollegen,
denn Operette darf nicht unterschätzt werden! Leider bekomme ich
es nur sehr selten angeboten... Man bekommt nicht viel Gelegenheit dazu. In
meinem Fall muss ich dem Direktor der Wiener Staatsoper danken. Er hat
für mich immer ein offenes Ohr; und er hat Ahnung von Stimmen.
Sein Rat ist mir wichtig. Wenn ich mir etwas nicht zutraue, er mir aber
versichert, dass diese Partie gut für mich ist, dann denke ich
darüber nach. Man bekommt an der Staatsoper durch Holender viele
Chancen, man wird aufgebaut, muss dem Haus aber zu Verfügung stehen
und bekommt nicht immer nur Bonbons. Junge Sänger erwarten da oft
zu viel. Kleine und undankbare Rollen gehören zum Karriereaufbau
dazu. Ich lehne "learning by Deutsche Grammophon"
ab und höre mir Stücke nicht an, bevor ich eine Partie einzustudieren
beginne. Natürlich hat man vieles schon gehört, aber, wenn
ich mich mit einer Oper näher auseinander setze, höre ich
mir keine Vergleiche mehr an. Ich möchte frei sein von anderen
Interpretationen. Mozart ist etwas Besonderes. Egal ob instrumental
oder vokal. Viele Komponisten "entschuldigen" die eine oder
andere interpretatorische Unzulänglichkeit. Bei Mozart hört
man jedes kleine Detail. Jeder Ton ist wichtig. Mozarts Musik ist so
filigran, klar und auch natürlich, dass sie keine Fehler zulässt.
Man hört einfach alles. Interpretatorisch gibt es verschiedene
Richtungen, wobei es meiner Meinung nach kein richtigoder falsch gibt.
Auch bei Mozart gibt es Partien, wie den Idomeneo, die haben etwas Kräftiges,
die haben Strahl und das kann man dann durchaus ein wenig dramatischer
anlegen. Ein Mozart-Tenor muss nicht immer lyrisch sein. Es ist ein
Zeitgeschmack, genauso wie bei Wagner. Gösta Winbergh hat gezeigt,
dass man den Tristan auch singen kann, wenn man nicht eine Stimme hat
wie Lauritz Melchior. Womit wir wieder bei der Fächer-Diskussion
sind.
In welche Richtung wollen Sie verstärkt gehen? Meine Stimme wird sich ins Dramatische weiterentwickeln. Das sieht manan den Partien die ich in den nächsten Jahren singen werde. Dagegen habe ich auch nichts. Es ist mir nur wichtig, dass ich dazwischen auch immer wieder Tamino oder Idomeneo oder auch italienisches Repertoire singe. Man hat ein Abonnement für den Stimmruin, wenn man in meinem Alter nur noch Wagner und Strauss singt.
Ich spiele für mich immer noch sehr gern Oboe, wertvolle Instrumente, die gespielt werden müssen, sonst gehen sie kaputt. Ich höre viel Musik, außer Hip Hop und Techno eigentlich alles: wenig Oper, dafür aber viel Barock und Renaissance, auch Jazz. Ich habe selber Saxophon gespielt und war auch in einer Rockband. Das Wichtigste aber ist meine Familie. Ich begleite meine Frau sehr viel bei Ihren Engagements wenn ich die Zeit habe. Unsere 4-jährige Tochter steht natürlich im Zentrum. Momentan bringen wir ihr gerade das Fahrradfahren bei. Eine wirklich große Herausforderung! M. Cerenak |