Singen ist eine lyrische Kunst

 

 

 

Nicht auf der Bühne, sondern im Orchestergraben begann Torsten Kerls Opernkarriere. Als Solo-Oboist in Wuppertal startete der gebürtige Gelsenkirchner seine musikalische Laufbahn.
"Opernsänger wollte ich eigentlich gar nicht werden, das ergab sich eher zufällig", erzählt er im Gespräch mit pro:log.
"Am Gesang faszinierte mich vor allem, Sprache mit Musik zu verbinden, eine Möglichkeit, die ein Instrumentalist nicht hat." Das interessierte Torsten Kerl so sehr, daß er zunächst aus purer Neugier privat Gesangsstunden nahm. Als Bariton begann er, merkte jedoch bald, daß sich die Tiefe nicht in dem Ausmaß entwickelte, wie es für einen notwendig gewesen wäre. "Dafür gewann meine Stimme immer mehr an Höhe, bis am Tenor nicht mehr zu zweifeln war." Angebote, in Konzerten aufzutreten, häuften sich, doch noch immer konnte sich Torsten Kerl nicht dazu durchringen, sich ganz dem Singen zu verschreiben. Andererseits war es ihm kaum vorstellbar, bis zur Pensionierung im Orchester zu spielen. Da traf es sich ideal, daß der Intendant von Gelsenkirchen nach einem jungen Sänger Ausschau hielt und Torsten Kerl engagierte. Zwei Spielzeiten lang sammelte er in kleinen und mittleren Partien wertvolle Erfahrungen, bevor er nach Karlsruhe wechselte, wo er von Anfang großen Aufgaben wie dem Hans in der Verkauften Braut oder dem Turiddu betraut wurde. Von Karlsruhe aus wagte Torsten Kerl ein Vorsingen in Wien und wurde prompt engagiert. Im März 1997 debütierte er im Haus am Ring als Matteo in Strauss'Arabella.
Die Entscheidung, nach Wien zu gehen, hat Torsten Kerl nicht bereut. Im Gegenteil: "Die Wiener Staatsoper ist unter Direktor Holender ein Haus, an dem junge Sänger systematisch aufgebaut werden", meint der Tenor. "Das ist nicht überall so. Daß mir in Wien diese Chance eingeräumt wird, dafür bin ich Holender sehr dankbar." Besonders weiß er es zu schätzen
daß er in Wien die Möglichkeit hat, seine Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen. "Es ist für
keinen Sänger gut, auf eine Schiene festgelegt zu werden. Leider ist es ja heute vielerorts so, daß man deutschen Sängern nur noch deutsche Rollen anbietet, italienischen nur italienische, russischen Sängern traut man neben slawischen Partien allenfalls noch italienische zu - nur Amerikaner dürfen alles singen. Doch so ist es weiß Gott nicht. Man sollte Stimmen individuell beurteilen, einzig nach dem, wo ihre Stärken und Schwächen liegen."

Torsten Kerls Repertoire spiegelt seine individuellen stimmlichen Möglichkeiten wider. So hat er an der Staatsoper unter anderem den Alfred in der Fledermaus, aber auch den Maler und den Alwa in Lulu gesungen. Er trat als Pinkerton in Madama Butterfly und als Narraboth in Salome auf, war ein exzellenter Idomeneo und singt den Froh im Rheingold mit bemerkenswerter Souveränität. Für mich kommen all jene Rollen nicht in Frage, die von der Tessitur her sehr hoch liegen oder reine Parlando-Partien sind. "Meine Stärke liegt sicher nicht in Rollen, die bei jedem Auftritt hauptsächlich Cs und Ds verlangen, obwohl mich Tenöre mit solcher Höhe sehr beeindrucken."

Hoch liegt zwar auch der Tamino in Mozarts Zauberflöte. Trotzdem hat sich Torsten Kerl Anfang Oktober in Wien erstmals an diese Rolle herangewagt. "Und ich werde ihn auch in meinem Repertoire behalten, obwohl er für mich sicher eine Grenzpartie ist. Im Gegensatz zu den leichten Mezza Voce-Tenören muß ich ganz anders an diese Rolle herangehen, auch wenn ich damit nicht jedermanns Geschmack treffe. Es wäre falsch zu meinen, man müsse von allen geliebt werden. Es ist jedemanns Recht zu machen, ist eine unerfüllbare Kunst."

Seine Kraft nicht zu drosseln braucht Torsten Kerl hingegen beim Berufenen in Arnold Schönbergs Die Jakobsleiter, den er in Marco Arturo Marellis Erfolgsproduktion im November erstmals übernimmt. "Das ist eine sehr vielseitige Arie, mit vielen Akzenten. Ich glaube schon, daß mir das liegt Und was von Wagner käme seinen Möglichkeiten entgegen? "Auf keinen Fall der Siegfried oder ähnlich schwere Brocken. Aber ich werde nächste Saison in Wien erstmals den Loge und schon im April in Köln meinen ersten Parsifal singen. Das ist eine Partie, die sehr viel Sprache, aber auch sehr viel Legato verlangt. Bei Wagner ist dieser ständige Wechsel eigentlich ganz genau auskomponiert, man muß es nur beachten und umsetzen. Lediglich auf Diktion zu setzen ist zu wenig. Die Kunst des Singens ist und bleibt eine lyrische Kunst."

Apropos Wagner: Torsten Kerl hat 1996 als Steuermann im Fliegenden Holländer erfolgreich in Bayreuth debütiert, sich aber im Vorjahr vom Grünen Hügel wieder verabschiedet. Warum? "Weil ich nicht das Gefühl hatte, daß man mir die Förderung geben wollte, die man mir ursprünglich zugesagt hatte.

Statt in Bayreuth wird Torsten Kerl dafür künftig einiges in Salzburg singen. Und auch sonst ist er drauf und dran, von Wien aus Weltkarriere zu machen. Lukrative Angebote häufen sich. Deshalb ist er an der Staatsoper auch nicht mehr festes Ensemblemitglied, sondern mit einem Residenzvertrag mehrere Monate pro Saison an Wien gebunden.

Torsten Kerl singt nicht nur fantastisch gut, sondern steht auch als Darsteller seinen Mann, selbst in Repertoireaufführungen, für die es nur wenige szenische Proben gibt. "Das schafft man nur, wenn man sehr genau studiert ist und sich gründlich überlegt, wie und was man darstellen möchte", meint er. "Das Schlimmste für mich wäre, einfach nur auf der Bühne herumzustehen. Das drückt nicht nur auf die Laune, sondern auch auf die Stimme, weil keine Spannung aufkommen kann. Diese Spannung muß beim Singen immer aus dem Körper kommen."

Peter Blaha (Prolog, Nov. 2001 - Journal der Wiener Staatsoper)

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